Sich selbst ans Messer liefern – und China schwankt

 

Geht das? Sich selbst wirtschaftlich den Hals umdrehen? Und wenn, dann wie? Die Europäer haben gezeigt, wie man es macht. In ihrem Umgang mit einer der undurchsichtigsten und protektionistischen Volkswirtschaften auf diesem Planeten.

Schon in den Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts staunte ich, als ich mitbekam, wer so alles auf dem Pilgerzug nach Peking war, Geld und Wissen in der Tasche, um davon großzügig zu geben. Irgendwelche sogenannten Unternehmensberater hatten die Parole ausgegeben, dass in China das große Geld zu verdienen sei. Also pilgerten sie. Erst die ganz Großen. Siemens beispielsweise, das seine Transrapidtechnik faktisch mit Aufschlag an die Chinesen übergab. Die Autoindustrie, die in China fertigte und dabei sicher sein durfte, dass all die mit viel ingenieurtechnischem Fachwissen entwickelten Innovationen künftig von chinesischen Experten kopiert würden. Auch Mittelständler machten sich auf die Pilgerreise.  Ob Armaturen-Grohe, Kettensägen-Stihl – gerade diese früheren Weltmarktführer spürten, wie chinesische Kopierkunst mit Billigprodukten an den Gewinnen – und am Umsatz und Image sägte.

Selbst die Spielwarenproduzenten – ein deutsches Qualitäts- und Traditionsgeschäft – müssten angesichts der Billigkonkurrenz aufgeben. Plastikmüll aus China, bunt in Tamagochiformen gegossen und von „Toys’R’Us“ auf dem Markt gebracht, überschwemmte die Kinderzimmer. Stofftier-Leitproduzent Steiff gab nach vier Jahren China-Produktion wegen schlechter Qualität auf. Da war der gute Ruf bereits deutlich angekratzt. Der gefühlte Elastolin-Nachfolger Schleich produziert nicht nur zum Großteil in China – dortige Kopisten machen auch mit via Penny und Co. vertriebener Billigware kräftig Konkurrenz.

Das Konzept lief immer nach demselben Muster ab – gleich, ob im Hightech-Sektor oder in der Manufaktur: Europäische Hochleistungsunternehmen begaben sich im Reich der Mitte in Joint Venture mit massiver chinesischer Beteiligung. Die sicherte sich das Know How und die Ideen – und begann, mit Billigware in die Konkurrenz einzusteigen.

Donald Trump hat insofern völlig recht, wenn er die unfairen Mittel der Chinesen beklagt. Denn die haben das Prinzip des Ausverkaufs der ehemals führenden Weltwirtschaftsnationen perfektioniert. Mit gestohlenem Knowhow und geklauten Patenten werden die Zielmärkte mit Billig-Produkten überschwemmt. Hochsubventioniert durch staatliche Beteiligung, hinter teilweise abenteuerlichen, undurchschaubaren Geschäftskonstruktionen versteckt. Damit wird die Konkurrenz ausgehebelt und im Zweifel zur Übernahme sturmreif geschossen. Oder das durch unausgeglichene Handelsbilanzen erwirtschaftete Geld wird gleich eingesetzt, um in den Zielländern die innovativsten Unternehmen in chinesisches Eigentum zu überführen. Auf bis zu 44 Übernahmen im Jahr addierte sich der chinesische Unternehmenseinkauf allein in Deutschland – fast zehn Milliarden Euro lassen sich das die Pekinger im Jahr kosten.  Stützpunkte, um in Krisenzeiten intervenieren zu können, haben die Kommfuzionisten im Reich der Mitte dabei auch im Blick: So übernahmen sie für 16 Millionen Euro den früheren US-Militärflughafen Hahn bei Frankfurt, wollen sich in Deutschlands größten Binnenhafen einkaufen.

Im Ergebnis läuft es immer auf dasselbe hinaus: Die einstmals führenden Nationen finanzieren ihren eigenen Ausverkauf – und damit die Schlinge, die ihnen die Chinesen freundlich lächelnd um den Hals legen.

Die mit dem Prinzip des Copy, Invade&Sell erwirtschafteten Dollarberge sollten sogar reichen, um den chinesischen Kolonialismus – getarnt unter dem Schlagwort „Neue Seidenstraße“ – voranzutreiben.

Trumps Gegenschlag

Als Trump 2o18 die Strafzölle für chinesische Waren mit 10 Prozent festlegte, erzählte mir ein guter Bekannter, dessen Familie seit den Fünfzigern im Chinahandel tätig ist, dass allein diese zehn Prozent zahlreiche Unternehmen in China in den Ruin treiben werden. Denn um die Strategie des westlichen Ausverkaufs zu gewährleisten, waren die chinesischen Unternehmen gezwungen, mit minimalen Gewinnmargen auszukommen. Das stetige Wachstum der Exporte schien zu reichen, um das chinesische Perpetuum mobile zu betreiben.

Das Gejammer seiner chinesischen Partner hatte also gute Gründe. Vor allem deshalb, weil Chinas Führung die Parole ausgegeben hatte, dass die Unternehmen allein zusehen müssten, wie sie mit der Situation klarkommen. Wobei ein erkennbarer Rückgang von Produktions- und Verkaufszahlen schon als gefühlter Staatsverrat gebrandmarkt wird.

Also geschah mittlerweile längst das, was auch in den Europäischen Volkswirtschaften gern versucht wird, wenn die Kosten den Einnahmen fortlaufen: Man greift zu Personalabbau. Schon jetzt, so bestätigt ein Insider, hat Trumps Zollpolitik zu erheblichen Arbeitsplatzverlusten geführt. Offiziell gibt es die selbstverständlich ebenso wenig wie defizitäre Unternehmen.

Der Chinahändler, der aus guten Gründen darauf verzichten möchte, namentlich genannt zu werden,  sagt: „Die 25 Prozent können China an den Rand des Zusammenbruchs führen.  Hält Trump die durch, sortiert sich die Weltwirtschaft von Grund auf neu, weil zahlreiche chinesische Player ausfallen. Gleichzeitig wird die Arbeitslosigkeit die innere Situation Chinas erheblich destabilisieren. Die neue chinesische Mittelschicht hat sich an ihren bescheidenen Wohlstand gewöhnt – fällt sie in die Arbeitslosigkeit, brennen im Reich der Mitte an allen Ecken kleine Lunten.“

Die Angst vor der Unkontrollierbarkeit

Xi ahnt offenbar, was auf ihn zukommt. Chinesische Insider berichten, dass die Stimmung innerhalb Chinas teilweise schon wieder die Züge der sogenannten Kulturrevolution annimmt. Kritische Geister und renommierte Volkswirtschaftler an den Universitäten, die das chinesische Dilemma erkennen, werden demnach bereits massiv unter Druck gesetzt, um ja keine von der offiziellen Wohlfühllinie abweichenden Erklärungen zur Lage abzugeben. Der mittlerweile allmächtige Xi kann nicht zulassen, dass an seinem Erfolgsbild gekratzt wird – soziale Unruhen wird er dennoch nicht vermeiden können, sollte Trump seine 25-Prozent-Politik durchhalten.

So erinnert die Situation ein wenig an jene Zeit, als die damals noch jungen USA das isolierte, japanische Kaiserreich zwischen 1853 und 1867 dazu zwangen, sich den europäischen Handelsgepflogenheiten anzuschließen. Damals setzten die Amerikaner auf Kanonenboote – heute reichen Strafzölle. Ob sich allerdings im Reich der Mitte auch der damals in Japan bewirkte Zusammenbruch der alten Ordnung wiederholen wird, darf dennoch angezweifelt werden.  Zu fest sitzt die allmächtige Kommunistische Partei Chinas im Sattel, zu sehr ist die chinesische Gesellschaft mit der Machtusurpation Maos verwoben, als dass die bestehenden Strukturen im Handstreich beseitigt werden könnten.

Unruhige Zeiten könnten dennoch auf die Chinesen zukommen – und mit ihnen auf alle, die zu fest auf den neuen Global Player aus Peking gesetzt haben. Denn dem Fundament des chinesischen Erfolg geht es ähnlich wie den dort produzierten Waren: Ihre schiere Masse scheint die Konkurrenz zu erschlagen. Doch wenn man dahinter schaut, dann wird offenbar: Sie steht auf den labilen Fundamenten schlecht kopierter Vorlagen und wenig Verständnis für marktwirtschaftliche Mechanismen. Und an diesen Fundamenten rüttelt derzeit recht heftig der US-Präsident, weil er offenbar nicht länger bereit ist, den Ausverkauf seiner Wirtschaftskraft an das Reich der Mitte zuzulassen. Das bereits stattfindende Armdrücken hält insofern noch manche Überraschung bereit.

©2019 spahn

 

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