SPD im Niedergang? Nein – den hat sie schon hinter sich.

Die Phoenix-Runde ist ein Format, welches im Gegensatz zu den Sprechschauen der steuerfinanzierten Großverdiener eher am Rande der Wahrnehmung läuft. Das hängt zum einen damit zusammen, dass dieses ebenfalls öffentlich-rechtliche Angebot als absoluter Spartensender gilt, zum anderen mag es auch daran liegen, dass dort des Öfteren Personen eingeladen werden, die nicht an der Spitze des rotgrünmedialen Wunschhorizonts als hellste Sterne strahlen. Dass die Sendung dennoch aufschlussreich sein kann – ja, oftmals sogar aufschlussreicher ist als die bestplatzierten Sprechschauen – mag jedoch genau daran liegen. So auch am vergangenen Dienstagabend, als in der Sparte zwei Personen auftraten, die aus dem gleichen Stall kamen und dennoch unterschiedlicher nicht sein konnten. Und die perfekt das Ende der SPD, dessen Ursache , Wirkung und Folge verkörperten.

Die SPD zwischen links und linksextrem

Da saß, von Zuschauer aus gesehen außen links, ein älterer, hagerer Mann namens Hans Roland Fäßler. Hinter zwei Staffagegästen und der Moderatorin befand sich ihm gegenüber eine jüngere,  Frau mit dem Namen Anna Tanzer.

Ich räume ein: Obgleich nicht gänzlich polit-uninteressiert, waren mir beide bis zu diesem Zeitpunkt absolut unbekannt. Insofern konnte ich mit beiden erst einmal nichts anfangen und orientierte mich instinktiv nach politischer Gesäßgeographie: Fäßler also als einen Vertreter der politischen Linken eingeordnet, Tanzer als eher rechts. Ihr Äußeres unterstrich diese Einordnung: Er, der ältere Herr mit Bart, wirkte wie ein gestandener Sozialpolitiker, welche erfahrungsgemäß eher nach links tendieren. Sie hingegen vermittelte den Eindruck eines gut situierten Wohlstandskindes, welches zumindest nicht darunter litt, zum Darben verurteilt zu sein.

Welch einer psychologischen Täuschung ich unterlag, sollte ich bereits feststellen, als jeweils Namen und Funktion eingeblendet wurden. Fäßler – okay, das schien zu stimmen. „Medienberater“, wiederholt für die SPD tätig gewesen, und „50 Jahre SPD-Mitglied“, war dort zu lesen. Tanzer allerdings – oje! Juso-Vorsitzende von Bayern. Eine Kevin-Anhängerin. Die junge Dame war also – zumindest aus Zuschauersicht – gänzlich falsch platziert. Sie hätte, da die beiden verbliebenen Rundatoren einen, wie er ständig betonte, an dieses oder jenes glaubenden Politikwissenschaftler sowie einen Redakteur der Bild-Zeitung repräsentierten, nach ganz links außen gehört. Und so präsentierte sie sich dann auch.

Die prä-industriellen Thesen der frühmarxistischen Phase des 19. Jahrhunderts plätscherten nur so aus Tanzers rot geschminktem Mund. Ständig forderte sie ein, die SPD müsse sich wieder auf ihre Grundwerte besinnen. Die allerdings erinnerten an Karl Rodbertus und Moses Hess, die in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts von einer gerechten Gesellschaft des besitzlosen Kollektiveigentums träumten. Das Ganze vermengte sie dann noch mit dem zeitaktuellen Super-Ökologismus des nahenden Weltuntergangs – und der selbstverständlichen Forderung, dass die Große Koalition am besten vorgestern aufgelöst, wenn nicht gar überhaupt nicht erst beschlossen gehöre. Da sprudelte der Kevin – oder besser: Der frühe Kevin. Ich werde darauf zurückkommen.

SPD ohne Bodenhaftung

Fäßler, der Alt-Sozialdemokrat, war entsetzt. Das sei alles Geschwätz aus den Hinterzimmern der Partei – „solche gibt es“, wusste er aus seinen Erfahrungen aus Bayern und Baden-Württemberg zu berichten. Mit einen deutlich hörbaren Ausrufezeichen. Und man spürte es, auch ohne dass er es wortgenau so sagte: Alles Spinner!

Das aber hielt Tanzer nicht davon ab, ihre feuchten Träume eines utopischen Sozialismus weiter zum Besten zu geben. Kurz: Diese böse, ungerechte Welt muss besser werden! Notfalls mit – ja, mit was eigentlich? Mit Gewalt? Nunja – zumindest nicht mit der Union. Überhaupt nicht!

Fäßler, der sich als Scholz-Fan outete und früher den gescheiteren SPD-Spitzenkandidaten Steinbrück beraten hatte, gab zu bedenken, dass die SPD in der aktuellen Koalition doch mehr sozialdemokratische Politik durchgesetzt habe, als man angesichts des bescheidenen Abschneidens bei den letzten Bundestagswahlen auch nur zu träumen gewagt hätte. Sollte sagen: Was interessieren mich die Grundsätze von CDU und CSU, wenn die um der Regierungssitze willen sozialdemokratische Politik machen? Womit er aus seiner gestandenen SPD-Sicht uneingeschränkt Recht hat. Zumindest aus Sicht eines Juniorpartners, der als Wurmfortsatz am Hundegesäß mit dem Rest wedelt.

Solche Vorstellungen waren Tanzer gänzlich fremd. Eine sozialistische Politik müsse her! Wenn die SPD diese in der Koalition nicht durchsetzen könne, dürfe sie nicht mitregieren. Fäßler war, wenn nicht fassungslos, so doch entsetzt. Politik bedeute Kompromiss. Das sei das Grundprinzip von Demokratie!

Das offenbar wohlstandsverwöhnte Mädchen aus den Juso-Kampfbrigaden des schönen Bayernlandes konnte damit nichts anfangen. Alles oder nichts, lautete ihre Parole. Mal um Mal offenbarte sie sich als klassische Sozialistin. Radikal – nein, extremistisch. Linksextremistisch, um die früher einmal gängige Einschätzung des Bundesverfassungsschutzes heranzuziehen. Umbau der Gesellschaft war das mindeste, was ihr vorschwebte. Hier und jetzt und selbstverständlich sozialdemokratisch. Wie sie es nannte, obgleich sie unverkennbar marxistisch meinte. Kompromisslos. Und jenseits der Wirklichkeit, wie Fäßler dann noch versuchte, mit Blick auf die Arbeitnehmerschaft bei BMW und Daimler-Benz unter Hinweis auf dortige Betriebsräte zu erklären.

Vom demokratischen Sozialisten …

Es half alles nichts. Anstelle Tanzer hätte dort auch Kipping sitzen können. Nur, dass die rothaarige Rote mittlerweile ein wenig mehr von realer Politik versteht als die rotgelippte Tanzer.  Die nicht nur virtuelle Spaltung der alten Tante Sozialdemokratie wurde immer deutlicher. Da saß ein junges Mädchen, das in seinem Leben noch nie erfahren musste, was Not bedeutet, und die vermutlich noch nie eine Werkhalle von innen gesehen hat, und spulte ihr linksextremistisches Ideologengeschwätz aus irgendwelchen weltfremden Politikseminaren herunter – gepaart mit dem Heilsanspruch der Allwissenheit in der Gewissheit, die einzig bestehende Wahrheit eimerweise verschluckt zu haben. Ähnlich jenen Öko-Terroristen, die die grüne Diktatur im Namen des Weltklimagottes und seiner Heiligen Greta anstreben, hat Tanzer offenbar bei all ihren Politik-Spielereien nie verstanden, was Demokratie bedeutet. Solche Leute braucht ein Diktator, um sich wohl zu fühlen.

Fäßler war am Verzweifeln. Der lebende Beweis dafür, dass es eine Sozialdemokratie in Deutschland nicht mehr gibt. Nur noch Radikalsozialisten nach Tanzer-Muster – und aussterbende Alt-Sozis, die sich in ihrer Not damit zu retten suchen, dass sie sich, wie eben auch Fäßler, als Vertreter eines „demokratischen Sozialismus“ definieren. Dabei ist das ähnlich absurd wie die Thesen jener Islamanhänger, die allen Ernstes den Versuch unternehmen, sich als moderate Moslems zu präsentieren, während jene, die an der faschistoid-extremen Uridee hängen, die Agenda bestimmen. Denn Sozialismus bleibt nun einmal Sozialismus und ist als religionsgleicher Glaubensersatz der Anspruch des Totalitären, des Absoluten. Doch halten wir Fäßler zu Gute, dass er eigentlich „sozialer Demokrat“ meint, wenn er sich als demokratischen Sozialisten bezeichnet. So, wie jene noch verbliebenen, gestandenen Gewerkschafter, die ganz genau wissen, dass der sozialistische Staatskapitalismus bereits krachend gescheitert ist und die Arbeiterkinder nur deshalb jede Chance auf eine gutes und selbstbestimmtes Leben haben, weil Papa und/oder Mama bei gut zahlenden Konzernen in Lohn und Brot stehen.

… zum sozialen Demokraten

So wartete der Zuschauer auf den Moment, wo Fäßler explodierte und seinen Beitritt zur AfD erklärte. Was er nicht tat, obwohl so ziemlich jeder seiner Sätze erklärte, warum es mittlerweile vor allem frühere Sozialdemokraten sind, die sich von der neuen Alternative angesprochen fühlen. Denn es gilt: Zu den Kommunisten kann ein Demokrat nicht. Zum Klassenfeind in FDP und Union auch nicht. Und mit den grünen Spinnern kann er auch nichts anfangen. Was also bleibt?

Fäßler und Tanzer – das waren zwei, die aus dem gleichen Stall gekommen sind, und die dennoch unterschiedlicher nicht hätten sein können. Zwei, die völlig ausreichten, um den Niedergang der Sozialdemokratie festzumachen. Und die dabei das Totalversagen der Fäßler-Generation dokumentierten, weil sie es überhaupt hat zulassen können, die der Demokratie gefährlichen, wohlstandsdekadenten Tanzers an wichtige Positionen in Partei, Parlament und Staat kommen zu lassen. Die gescheitert ist in dem Versuch, sie könnte Kommunisten durch Teilhabe an der sozialdemokratischen Macht gleichsam im Sinne der Demokratie resozialisieren. Es ist misslungen, nicht nur Tanzer ist der Beweis – und die alte Scheinweisheit, wonach jemand, der mit 20 Jahren kein Sozialist sei, kein Herz habe, und derjenige, der es mit 50 immer noch sei, keinen Verstand, bleibt nun einmal eine Scheinweisheit, wenn die Alten versäumen, den Jungen die reale Welt zu erklären.

Nicht mehr zu retten

Diese SPD ist nicht mehr zu retten. Wenn die Nachwachsenden antidemokratische Sozialisten sind, dann sterben die sozialen Demokraten aus. Das ist biodynamisch wie auch sozialphilosophisch unausweichbar. Da mögen die restverbliebenen Fäßlers noch so fassungslos vor den Trümmern ihrer politischen Arbeit stehen – das, was in der SPD nachgewachsen ist, hat mit der SPD von Brandt und Schmidt nicht mehr das Geringste zu tun. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn gegenwärtig ein gleich Fäßler völlig irritierter Parteivorstand noch den verzweifelten Versuch unternimmt, das Duo-Infernale der Esken-gesteuerten Nowabos einzufangen, oder sogar, wovon auch gemunkelt wird, auf dem SPD-Parteitag einen Putsch gegen das Basisvotum inszenieren sollte und den verfassungsbrüchigen Ex-Finanzminister vom Rhein nebst der Elternratsvizevorsitzenden aus dem Süden abzuräumen suchen sollte, um dann von der SPD doch noch das zu retten, was nicht mehr zu retten ist.

Und dann auch Kevins Chancen

Womit wir nun noch einmal auf unseren Kevin zu sprechen kommen müssen. Der trägt zwar nicht die alleinige Verantwortung für das Ende der SPD, ist jedoch gleichsam der Eiterbeutel, der die Krankheit nach außen erkennbar macht. Inhaltlich auf demselben Niveau wie die Anna aus Bayern, hat er nacheinander Schulz und Nahles in die politisch-seelische Diaspora getrieben, dann mit seinem Koalo-Bruch-Geschrei dafür gesorgt, dass die Knöpfchen Esken und Walter-Borjan nun das Ruder auf dem sinkenden Schiff übernehmen sollen.

Was der kleine Kevin nicht bedacht hat: Bislang war sein Mediengeschrei gezielt darauf ausgerichtet, sich selbst als Querulanten in der SPD zu positionieren, um damit die gestandenen Altvorderen dazu zu bringen, ihn mit einem Stellvertreterposten im Vorstand und anschließender Kaderkarriere durch Parlamente und Regierungen ruhig zu stellen. Nun aber ist genau das geschehen, was er zwar stets gefordert, aber nie erwartet hatte. Denn – dumm gelaufen – mit dem Nowabo-Duo hat die SPD genug Linksextrem an der Spitze. Wozu braucht es da noch einen Kevin? So treibt ihn die Angst um, dass der Parteitag nicht nur zum Rachefeldzug  des enterbten Partei-Establishments gegen ihn werden könnte – es könnte sogar geschehen, dass dem einen oder anderen, der bislang mit dem Kevin geheult hat, sich zu besinnen beginnt und zu viel links im Vorstand dann doch nicht möchte. Da könnte es folglich passieren, dass der Kevin bei den Wahlen auf der Strecke bleibt – und schon macht er einen auf Staatsmann und verkündet: Was schert mich mein Geschwätz von gestern? Die sogenannte GroKo, die er bislang bis aufs Blut bekämpft hatte, solle man als SPD nun besser doch nicht Knall auf Fall infragestellen.

Der Parteitag wird spannend

Ach, dieser verzweifelte Versuch, sich bei den Alt-Demosozialisten anzudienen, hat dieselbe Glaubwürdigkeit wie jene unerwarteten Ein- und Ausfälle des Olaf Scholz, mittels derer er glaubte, ein paar linke Skeptiker an der Parteibasis zu sich zu holen. Geblieben ist davon beim Olaf das Stigma der opportunistischen Unglaubwürdigkeit. Und beim Kevin? Dem kann es nun ähnlich ergehen. Seine traditionellen Gegner werden ihn selbst dann nicht wählen, wenn er gleich einem Galileo Galilei seinen bisher verbreiteten Thesen öffentlich abschwört. Und sein ideologischer Fanklub, geeint in der Überwindung des menschenausbeutenden System des Raubtierkapitalismus, den die Partei bereits seit Jahren erfolgreich zu Grabe getragen hat, obwohl es ihn in Deutschland nie gab? Bei dem könnten nun Zweifel aufkommen, ob der Kevin wirklich der Richtige ist – oder ob er nicht so ist wie all die anderen, die erst in der SPD nach linksaußen geblinkt hatten und dann, wie einst Gerhard Schröder, nach erfolgreicher Machtergreifung zum Egokapitalisten in eigener Sache geworden sind.

Insofern bleibt der Parteitag spannend. Nicht, weil er irgendwelche bedeutungslose Randfiguren zu Vorsitzenden machen könnte. Auch nicht, weil er vermutlich mit irgendwelchen hanebüchenen Nachverhandlungsbegehren den Geduldfaden des Unionspräsidiums überspannen wird. Nein, ausschließlich deshalb, weil die zu erwartenden gruppendynamischen Prozesse in der Abrisszone in der Lage sein können, Auskunft darüber zu geben, ob zwischen die Fäßlers und Tanzers noch mehr passt als die Entfernung zwischen Erde und Mars.

Eines allerdings wird der Parteitag nicht können: Dieser SPD, die längst in linksextremistische USPD und linkssoziale Restdemokraten zerfallen ist, irgendeine Hoffnung auf Besserung geben. Die Partei hat fertig. Sie hat keine Köpfe mehr, die für irgendetwas stehen, das noch mit staatsbürgerlicher Vernunft zu tun hätte. Sie hat keine Visionen mehr außer dem Rückfall in die frühmarxistische Selbstfindungsphase.  Sie ist, um es mit einem kurzen Wort zu sagen, nur noch eines: Überflüssig.

©2019 Spahn

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