Als ich einmal reich war – der Bitcoin-Hype

Eine Sache ist nur so viel wert, wie jemand anderes bereit ist, dafür aufzuwenden. Diese Erkenntnis ist so alt wie der Tauschhandel und führte irgendwann dazu, dass eine Zwischenstufe erfunden wurde, die wir heute als Geld bezeichnen. Ursprünglich hatte dieses Geld noch einen Realwert, beispielsweise dann, wenn es als Goldmünze daherkam. Denn Gold, gleich ob nun zur Münze geprägt oder als Nugget, fasziniert die Menschen. Sie machen daraus Schmuck oder andere, sogenannte Wertgegenstände, die sie tragen oder im Safe verstecken – und manchmal findet sich für Gold sogar ein echter Nutzwert beispielsweise dann, wenn es zu Ersatzzähnen verarbeitet wird.

Gold – und ähnliches gilt für Silber, Kupfer oder andere Metalle – kann man nicht nur real anschauen, man kann es sogar anfassen. Was man anfassen kann, das kann man sich auch hinlegen und für schlechte Zeiten horten. Solche „Werte“ sind so etwas wie gut aufgeladene Batterien: Solange sie irgendwo herumliegen, sind sie nutzlos. Doch im Ernstfall kann man sie aktivieren und sie beispielsweise gegen Lebensmittel und andere Dinge tauschen, die in der jeweiligen Realsituation zum Überleben unverzichtbar sind. So zumindest die Theorie, denn wenn plötzlich niemand mehr etwas zum Essen haben sollte, wird auch Gold nicht mehr weiterhelfen.  

Im Gegensatz jedoch zu manch anderem, was als Wertspeicher eine erbrachte Leistung konservieren soll, gilt Gold als beständig. Auf seine Art ist es das auch. Schon in der Antike war es begehrt und gern gesehene Beute. So berichtet der assyrische Herrscher Sanherib, der im frühen siebten vorchristlichen Jahrhundert seine Nachbarn drangsalierte, in seinen Annalen über die besiegten Generäle der Elami: „Ich schnitt ihre Hände ab. Die schweren Armreifen aus Gold, die sie an den Handgelenken trugen, nahm ich fort. Mit scharfen Schwertern zerschnitt ich ihre Gürtel und nahm die Gardedolche aus Gold und Silber, die ihnen als Symbole ihres Rangs gegeben waren, an mich.“

Viel verändert also hat sich in den vergangenen dreitausend Jahren nicht. Der Glanz, den Ägypter wie Inka für Sonnentränen hielten, dürfte einer der Hauptgründe sein, weshalb Menschen sich immer wieder gegenseitig abschlachteten.

Wert ist, was Wert hat – zumindest vorübergehend

Nun ist allerdings das Streben nach Gold auf die Dauer ermüdend – und es deckt nur einen bestimmten Markt jener ab, die das Gold schürfen und mit seinem Handel ihr Vermögen mehren. Folglich gab und gibt es regelmäßig auch andere Dinge, die als ähnlich begehrte Werte gehandelt werden. Wobei auch dort immer gilt: Eine Sache ist nur so viel wert, wie ein anderer dafür zu geben bereit ist. Und vor allem: So lange jemand anderes bereit ist, dafür etwas zu geben.

Die Geschichte kennt zahlreiche Episoden, in denen es für manchmal gänzlich unwichtige Dinge förmlich zu einem Hype kam. So ab der zweiten Hälfte des 16.Jahrhunderts in Holland die Tulpe. Damals war die aus dem Orient stammende Zwiebelpflanze recht frisch in Europa.  Die an sich nutzlose Pflanze faszinierte durch ihre Blüten und die Vielfalt an Farben so sehr, dass für sie immer höhere Preise gezahlt wurden. So wurde die Tulpenzwiebel in Holland zu einem begehrten Spekulationsobjekt, mit dem immer größere Bevölkerungskreise zu schnellem Wohlstand zu gelangen hofften. Es gab Börsen für Tulpen; der Handel wurde, da es sich um Wertobjekte handelte, notariell beglaubigt. Innerhalb kürzester Zeit ging der Preis für Tulpenzwiebeln durch die Decke. So wird die Geschichte der Tulpe Semper Augustus erzählt, von der ein Kaufmann angeblich zwölf Stück in Besitz hatte. 1623 kostete jede dieser Zwiebeln bereits 1.000 Gulden. Das entsprach fast dem Siebenfachen eines durchschnittlichen Jahreseinkommens jener Zeit.

Im Folgejahr wurde diese begehrteste aller Tulpen bereits mit 1.200 Gulden gehandelt, und der Wert stieg von Jahr zu Jahr. 1633 lag er bei 5.500 Gulden, 1637 bei 10.000. Damit war eine Tulpenzwiebel genau soviel wert wie eines der Luxushäuser der Kaufleute an den Amsterdamer Grachten. Der Crash folgte auf eine Tulpenauktion am 3. Februar 1637, bei der Zwiebeln im Gesamtwert von rund 90.000 Gulden umgeschlagen wurden. Als am 5. Februar in Haarlem erneut eine Versteigerung angesetzt war, fand sich plötzlich niemand mehr, der bereit war, sein Geldvermögen gegen das Liliengewächs zu tauschen. Innerhalb weniger Tage verloren Tulpen 95 % ihres Wertes – und manch Tulpenmillionär wurde zum Bettler.

Nach der Tulpe der Koi

Hat nun die Menschheit daraus gelernt? Nein, sicherlich nicht. So kam vor nicht allzu langer Zeit zu einer regelrechten Koi-Manie. Der aus Japan stammende Zuchtkarpfen wurde zu horrenden Preisen gehandelt. Es wechselte ein neun Jahre alter Kohaku-Koi für 1,5 Millionen Euro den Besitzer. Ein drei Jahre alter Tancho-Koi brachte immerhin noch 500.000 Euro. Heute liegen die bunten Karpfen bei Händlern unter zehn Euro – müssen dafür aber auf ihre edlen Namen verzichten.

Bei all solchen Spekulations-Hypes kommen zwei menschliche Ureigenschaften zusammen: Die Gier, welche bekanntlich Hirn frisst, und das Prestigedenken. Allein der Besitz einer seltenen Tulpe hob im Amsterdam des 17. Jahrhunderts die gesellschaftliche Stellung ungemein – allerdings nur so lange, wie andere Amsterdamer ebenfalls dem Glauben anhingen, mit einer besonderen Tulpe das persönliche Prestige heben zu können. Heute ist Holland dafür bekannt, dass dort überall Tulpen blühen, die als Billigware in alle Länder verkauft werden und so zum Bruttoinlandsprodukt der Westfriesen beitragen.

Von Aktien und Kettenbriefen

Aktuell sind Aktien sehr gefragt. Das macht, sieht man von solchen staatlich beförderten Betrugsprojekten wie „Wirecard“ einmal ab, sogar Sinn. Denn mit einer Aktie erwirbt der Eigentümer einen kleinen Anteil an dem jeweiligen Unternehmen. Wirft dieses, was gemeinhin Zweck einer jeden geschäftlichen Unternehmung ist, dann Gewinn ab, findet der Aktienbesitzer auf seinem Konto etwas mehr Buchgeld vor, welches er, wenn er den entsprechenden Wunsch verspürt, gegen Realwert tauschen kann. Hat der Aktienbesitzer Pech und auf das falsche Pferd gesetzt, dann bleibt der Gewinn aus und auch der Buchwert des Portfolios kann darunter leiden, weil andere Aktieninteressenten für den Geschäftsanteil nicht mehr bereit sind, dem Verkaufswilligen jenen Wert zu erstatten, den er einst selbst investiert hat. Die klassische Börse gilt insofern als Inkarnation der marktorientierten Wirtschaft: Angebot und Nachfrage bestimmen über das, was als Besitz von Buchwerten in Realwert eingetauscht werden kann.

Als Instrument, um nicht nur den Buchwert zu messen, sondern auch Buchwerte in Realwerte tauschen zu können, dient das Geld. In seinem Realwert ist weder eine Kupfer-Nickel-Münze noch gar ein Schein bedrucktes Edelpapier wirklich etwas wert. Doch gilt auch hier: Solange andere bereit sind, im Tausch für diese Wertverschreibungen Werthaltiges abzugeben, funktioniert die Wirtschaft und das Geld. Damit kann – das mussten Generationen von Menschen leidvoll erfahren – allerdings auch schnell Schluss sein. Kommt es zur Inflation, müssen also für Realwerte immer mehr dieser Wertverschreibungen hingeblättert werden, dann verliert die Zahl, die aufgedruckt oder eingeprägt den Gegenwert der jeweiligen Wertverschreibung ausweisen soll, schnell ihre Bedeutung. Gab es gestern für 10 Gulden eine Tulpenzwiebel, kostet diese heute dann 100 Gulden und morgen bereits 1.000 Gulden, ist das eine spezielle Form der Inflation, denn an der Tulpenzwiebel ändert sich in dieser Zeit faktisch nichts. Man kann sie einpflanzen, zum Blühen bringen und sich an der Blüte erfreuen. Man kann auch versuchen, aus einer Tulpenzwiebel derer mehrere zu machen, um diese zu verkaufen. In solchen Fällen ist derjenige fein raus, der im inflationären Tulpen-Hype verkauft hat und nicht am Ende des Hypes steht. Denn diesen Letzten beißen in aller Regel die Hunde – und ein solcher Hype hat immer auch etwas von jenen beliebten Kettenbriefen, bei denen jeder Teilnehmer früheren Teilnehmern Geld überweisen soll. Solange der Teilnehmer am unteren Ende der Kette noch jemanden findet, der das Spiel mitspielt, ist er fein raus. Steht er selbst an diesem Ende, ist sein Geld weg und er steht als der Dumme da. Besagter Kettenbrief ist hierbei übrigens ein besonders perfides Modell der Geldvermehrung beziehungsweise -vernichtung. Denn hier ist jeder denkbare Realwert außer dem des Lehrgeldes gleich Null. Nicht einmal eine Tulpenzwiebel bleibt jenem, der im Vertrauen auf andere Naive gezahlt hat, aber zu weit unten in der Kette steht um selbst von irgendwelchen Teilnehmern den versprochenen Geldsegen zu erhalten.

Der Hype der Gegenwart

Damit sind wir nun bei einem Hype der Gegenwart. Er heißt Kryptowährung und schlägt derzeit alle Rekorde, wenn es um den Tausch einer solchen Krypto-Einheit gegen Geld geht. Am beliebtesten in diesem Hype ist der sogenannte Bitcoin.

Ich muss zugeben: Ich habe trotz aller Bemühungen nicht so recht verstanden, um was es sich dabei überhaupt handelt. Deshalb spreche ich auch lieber von Krypto-Einheit als von Kryptowährung, denn mit Währung assoziiere ich immer noch etwas, das ich notfalls in die Hand nehmen kann, um dagegen im Laden um die Ecke ein paar Brötchen oder eine Zeitschrift einzutauschen.

Was ich zur Krypto-Einheit gelesen habe, besagt wörtlich folgendes: Sie basiert auf „kryptografischen Werkzeugen“, welche auf „Blockchains“ und „digitalen Signaturen“ basieren. Blockchain hieße übersetzt „Blockkette“, wobei ein Block etwas Reales ist, welches als klotzartige Einheit daherkommt und etwas versperren kann. Eine Blockkette wäre demnach eine Aneinanderreihung von solchen Klötzen – nur, dass diese in der digitalen Welt nicht wirklich real sind.

Eine digitale Signatur ist etwas, womit in der virtuellen Welt eindeutig festgelegt werden kann, wer der Eigentümer einer digitalen Datenkette ist. Um diese kryptischen Wörter irgendwie begreifbar zu machen, stelle ich mir das so vor: Mit meiner künstlerischen Begabung erstelle ich über Photoshop und Illustrator auf meinem Bildschirm etwas, das ich als Kunstwerk bezeichne. Dieses Kunstwerk existiert visuell erst einmal nur auf meinem Monitor. Gebe ich meinem PC nun den Befehl, es zu speichern, damit ich es zu einem späteren Zeitpunkt erneut anschauen kann, macht das von mir genutzte Programm aus meinem visuellen Eindruck eine mehr oder weniger lange Kette von kryptischen Zeichen, welche dann auf meiner Festplatte oder in irgendeiner Cloud lagern. Die Sache hat allerdings einen Haken: Das von mir als Schaubeleg ausgedruckte Exemplar meiner Kreativität kann ich ablegen und es mag vergilben – aber auch nach fünfzig Jahren ist da noch etwas, das ich betrachten kann. Die gespeicherte Zeichenkette jedoch bedarf künftig immer noch eines Programms, welches diese Zeichen versteht und daraus wieder das macht, was ich einst geschaffen habe.

Wer wie ich noch über Datensätze aus den 80ern des vergangenen Jahrhunderts verfügt, dem wird das Problem bekannt sein: Aktuell genutzte Programme erkennen die alten Datensätze nicht mehr oder nur als schlechte „Übersetzung“, beispielsweise angehäuft mit Artefakten, die das neue Programm nicht zu interpretieren wusste. Versucht man es mit dem sorgfältig gespeicherten und immer wieder kopierten Originalprogramm, wird es auch nicht besser, weil die aktuellen Betriebssysteme sich weigern, den Datenschrott von anno Dunnemals funktionsfähig zu installieren.

Selbstverständlich steckt dahinter ein Marketing-Kniff, denn der PC-Nutzer soll so gezwungen werden, ständig neue Dienstprogramme, die neuerdings Apps heißen, zu erwerben. Und um das Verkaufserlebnis perfekt zu machen, werden frühere Betriebssysteme nicht mehr bedient – also nutzt es auch kaum etwas, einen Uralt-PC mit DOS 2.0 zu betreiben, um den Zugriff auf alte Daten zu gewährleisten. In der Folge entstehen nun Berge von Datenmüll, die irgendwelche Server oder Festplatten verstopfen. Aber das nur nebenbei, denn hier geht es ja um sogenannte Kryptowährung.

Diese Kryptowährungseinheit funktioniert ähnlich wie das virtuelle Kunstwerk, dessen kryptischen Datensatz ein beliebiger PC-Nutzer zumindest theoretisch durch besagte digitale Signatur derart verschlüsseln kann, dass nur er selbst oder derjenige, der über den „Schlüssel“ (sprich: Zeichenfolge) verfügt, aus dem Datensatz wieder das Bild am Monitor machen kann. Dieser Schlüssel zur digitalen Signatur zaubert also aus den kryptischen Zeichen wieder jene kleinen Monitorpixel, die als Farbkleckse über den Drucker zu einem real anfassbaren Werk werden.

Im Prinzip ist das bei einem Bitcoin genauso. Nur ist hier nicht die Kreativität eines beliebigen PC-Nutzers gefragt, sondern ein offenbar komplizierter und komplexer Vorgang, der sich im virtuellen Netz der Bits und Bytes abspielt. In der Fachsprache wird der entsprechende Vorgang als „mining“ oder „schürfen“ bezeichnet, womit bereits die Begierde geweckt wird, denn dieser Begriff stammt aus der Ära jener armen Schlucker, die durch entsprechendes Handeln nach Gold oder anderen im Boden versteckten Dingen suchten, für die andere bereit waren, viel reale Ware zu tauschen.

Wie habe ich mir aber dieses Mining vorzustellen – schließlich kann ich nicht mit der Spitzhacke in meinen IMac schlagen in der Hoffnung, dass dann irgendwann ein Bitcoin heraushüpft? Aber irgendwie scheint es doch so in dieser Art zu funktionieren, nur nicht so brachial. Ich gebe offen zu: Die entsprechenden Beschreibungen überfordern mich. Vermutlich bin ich nur ein Krypto-Dummie oder nicht nerdy genug, um den Mining-Prozess intellektuell nachvollziehen zu können, und freue mich insofern über jeden Leser, der den Vorgang in der Kommentarspalte so beschreiben kann, dass auch Dummies ihn verstehen. Was ich verstanden zu haben glaube, ist insofern eher rudimentär. Irgendwie müssen sich möglichst viele PC-Besitzer zusammenschließen und Rechnerleistung investieren, dabei unheimlich viel Energie verbrauchen (womit sie als echte Klima-Sünder maßgeblich zum CO2-Ausstoß beitragen), und irgendwann ist sie dann da, diese kryptische Datenkette, die dann durch jemanden, der den Daumen draufhat, über die digitale Signatur zu einem einzigartigen Bitcoin wird. Wer der Glückliche ist, dem dann dieser Bitcoin gehört, ist mir auch nicht ganz klar – nur so viel: je mehr User mit energieren, desto schwerer wird es für den Einzelnen, am Ende der Besitzer zu sein. Hier also greifen die klassischen Marktprinzipien: Je mehr Begierige, desto geringer die Besitzchance, desto höher der virtuelle Wert.

Geldspeicher oder Geldvernichter?

Welchen Realnutzen so ein Bitcoin hat, erschließt sich mir auch nicht. Ich kann ihn weder essen noch an die Wand hängen oder in die aufgewandte Energie zurückverwandeln. Ich kann ihn einfach nur haben, irgendwo im Hyperspace des digitalen Nichtanalogen. Er ist also so etwas wie jene Amsterdamer Tulpe – nur nicht so hübsch und auch nicht irgendwo einpflanzbar und vermehrbar.

Aber – wie gesagt: Eine Sache ist so viel Wert, wie ein anderer bereit ist, dafür als Realwert einzutauschen. Nehmen wir den Dollar als Wertverschreibung – also als etwas, das ich im Laden oder an der Börse gegen irgendetwas real Existierendes eintauschen kann -, dann gibt es offensichtlich derzeit sehr viele Begierige, die gern so eine digital verschlüsselte Klotzkette ihr Eigen nennen möchten. Da sie damit aber nichts anderes anfangen können, hoffen sie nun darauf, irgendwann demnächst oder zu einem späteren Zeitpunkt jemanden zu finden, der ihnen für diese Bitcoin genannte Klotzkette noch mehr Realwertverschreibungen gibt, als sie selbst dereinst dafür gegeben haben. Der Bitcoin wäre demnach eine Art Wertspeicher in der spekulativen Erwartung, dass dieser Wert sich durch die Menge der Begierigen auf wundersame Weise vermehren möge.

Den Push zum aktuellen Hype hat übrigens der Wunderknabe Elon Musk gegeben, indem er über Twitter kryptische Sätze zur Kryptowährung in die Welt entließ. Wenn Musk kryptoiert, kryptoiert selbstverständlich seine Fangemeinde mit. Ob sich der Amerikaner damit nur einen Spaß erlauben wollte oder als moderner Onkel Dagobert vielleicht selbst über einen virtuellen Bitcoin-Speicher verfügte, welchen er durch den von ihm ausgelösten Hype nun zu immensen Realwertverschreibungen ummünzen konnte, wird vermutlich nie geklärt werden können. Jedenfalls ging der fiktive Wert der digital verschlüsselten Kette aus Kryptozeichen förmlich durch die Decke. Ende 2009, damals war ein findiger Japaner gerade auf die Idee gekommen, ihn irgendwie zu schaffen, lag sein Wert gerade einmal bei 8 (in Worten: acht) US-Cent. Am 31. Dezember 2017 lag er schon bei 14.377 USD, fiel aber ein Jahr später auf 3.733 USD zurück. Am 31. Dezember 2020 hatte er 28.720 USD geknackt – und seitdem gab es kein Halten mehr. Am 20. April 2021 wurde er – in Euro – mit 46.450,78 gehandelt. Allerdings ist der Preis, wie es die Börsenwelt formuliert, volatil. Will sagen: Es geht unberechenbar rauf und runter. Zwischenzeitlich fanden sich sogar Begierige, die über 60.000 USD für einen Bitcoin hingelegt hatten.

Zum Auf und Nieder tragen auch Nachrichten aus den USA bei. So halten sich hartnäckig Gerüchte, die US-Notenbank wolle gegen den Bitcoin und andere Kryptowährungen vorgehen, weil diese vorrangig von Kriminellen genutzt würden, um Schwarzgeld zu speichern. Als zukunftsträchtigen Geldspeicher hingegen bezeichnete ihn der Präsident der Federal Reserve Bank of Dallas, Robert Kaplan. Das allerdings kann auch nur „very tricky“ sein, um noch mehr Schwarzgeldjongleure zu bewegen, gute Dollar in Kryptoklotzketten zu investieren und dann irgendwann den Sack zuzumachen. Einfach den Tausch der offiziellen, staatlich produzierten Wertverschreibungen gegen Kryptoklotzketten verbieten. Plopp – schon wäre das Schwarzgeld futsch. Wobei: „Weg“ ist Geld ja nie – es hat nur ein anderer.

Es könnte sogar doppelt tricky sein, wenn die Fed derzeit selbst massiv Bitcoins schürfte und auf den Markt brächte, um so die illegalen Konten der Drogenbosse leerzuräumen. Wie auch immer. Es gilt eben auch hier der alte Satz: Eine Sache ist nur so viel wert, wie ein anderer dem Eigentümer dafür zu geben bereit ist. Waren es einst die Tulpen – so sind es nun die Kryptoklotzketten. Kann sein, dass es Menschen gibt, denen der virtuelle Besitz eines Schlüsselsatzes für eine virtuell geschaffene Datenkette vielleicht auch demnächst eine Million echte Dollar wert ist. Kann aber auch sein, dass sich irgendwann die Erkenntnis durchsetzt, dass man Bitcoins weder essen noch sonst etwas mit ihnen anfangen kann. Wir werden sehen.

Was mich zum Abschluss an eine Geschichte erinnert, die ich vor vielen Jahren in irgendeinem Blogkommentar gelesen hatte. Damals erzählte jemand, er werde sich auf die städtische Müllkippe begeben müssen, weil er vor zwei Tagen versehentlich eine alte Festplatte weggeworfen habe, auf der sich zahlreiche Bitcoins befunden hätten. Das war zu der Zeit, als sich der Bitcoin gerade von seinen Anfangs-Acht-Cent zu mausern begann. Sollte der Erzähler damals nicht ein Märchen erfunden haben, wäre ihm zu wünschen, dass er auf der Müllkippe fündig geworden ist. Denn dann könnte er heute Multimillionär in Dollar oder Euro sein. Wobei – sollte er tatsächlich seine Bitcoin-Harddisc gefunden haben, wird er seine Bitcoins schon vor vielen Jahren getauscht haben. Dann kann er heute im Chor mit dem Milchmann Tevje singen: „Wenn ich einmal reich wär …“.

Ein Lied, das sich vielleicht auch jene Bitcoin-Hyper der Gegenwart vormerken sollten – mit einer kleinen Überarbeitung vielleicht, die dann so klingt: „Als ich einmal reich war …“

©2021 spahn

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